No. 3: Vom Ende eines Gartens

To plant a garden is to believe in tomorrow‘. – Audrey Hepburn, 1929-1993

Doch manchmal wird es ein Morgen nicht geben. Denn nicht jeder wird das Glück erfahren können, ein Stück Land zu besitzen, zu dem man ein Leben lang Zugang hat. Oftmals wird man einen Garten nur pachten und ihn nach einigen Jahren wieder verlassen, weil sich die eigenen Lebensumstände und -wünsche geändert haben. Dann wird sich wer anderes um das Stückchen Grün kümmern und es nach seinen Vorstellungen formen.

Unter Umständen verschwindet so ein Garten jedoch auch für immer. Wenn beispielsweise alte Verträge auslaufen und auf der grünen Fläche neue Gebäude errichtet werden. So wie im Fall der Leipziger Nachbarschaftsgärten des Stadtteils Lindenau. Im Jahr 2004 ins Lebens gerufen, zählen sie zu den ersten Gemeinschaftsgärten der Stadt. Sie entstanden auf einer Brache von über 6000qm, welche mitten in einem von Leerstand geprägten Wohngebiet im Westen der Stadt lag. Mit den Eigentümern der Grundstücke, welche die Brachfläche bildeten, wurde auf eine Initiative des Stadtteilvereins eine Zwischennutzung vertraglich vereinbart. Bauschutt und Müll wurden von der Fläche, die früher einmal sogar eine Gärtnerei beherbergte, entfernt und die ersten Beete angelegt. Und so wuchs im Verlauf der Jahre ein Garten mit etwa 150 aktiven Nutzern. Ein grüner Treffpunkt für die Nachbarschaft. Denn es entstanden nicht nur einzelne Parzellen für die individuelle Bewirtschaftung, sondern auch jede Menge gemeinschaftlich genutzte Plätze wie das Strohballenhaus, die Holz- und Fahrradselbsthilfewerkstatt und die vielen Spielorte für Kinder. Auch Hühner, Schweine und Kaninchen kamen hinzu. Ganz im Sinne von Gemeinschaftsgärten wurde die Fläche nicht nur von den Mitgliedern, sondern auch von Anwohnern und umliegenden Schulen und Kindertagesstätten genutzt.

Doch nach mehr als 10 Jahren der Zwischennutzung, verkaufte einer der Grundstücksbesitzer, eine Schweizer Immobilienfirma, seinen Löwenanteil an der Fläche (nicht ganz 80%). Die Aufregung unter den Nutzern der Nachbarschaftsgärten war groß. Es gab einige Bemühungen mit der Stadt zu verhandeln und die Öffentlichkeit zu mobilisieren. Eine nicht unstrittige Bestrebung war, die Stadt dazu zu bewegen, die besagte Fläche nicht mehr als Bauland, sondern als Grünfläche zu deklarieren und dem Verkäufer eine Ausgleichsfläche anzubieten. Letztendlich hat der neue Besitzer nun letztes Jahr mit den Bauarbeiten begonnen. Es sollen neue Eigentumswohnungen mit Tiefgarage entstehen. Ein Stück der Fläche hat er aber auch den Nachbarschaftsgärten zum Kauf angeboten.

Es wird auf jeden Fall nicht alles von den Nachbarschaftsgärten verschwinden. Ein Teil samt Fahrradselbsthilfewerkstatt wird vorerst bestehen bleiben, da die dazugehörige Fläche der Stadt gehört. Doch die Enttäuschung unter den Mitgliedern war deutlich zu spüren als ich letzten Sommer die Gärten besuchte. Die noch bestehenden Beete waren größtenteils vernachlässigt, viele Menschen traf ich an dem Vormittag nicht. Aufgrund des Baulärms kamen die meisten – wenn überhaupt – nur noch am Nachmittag. Der graue Morgenhimmel verstärkte das schwermütige Gefühl von Abschied, was über dem Garten hing. Die verbliebenen Hochbeete waren verwildert, Gemüsepflanzen räkelten sich zwischen einem bunten Wildwuchs aus Gräsern, Wildblumen und japanischem Knöterich. Auch der Übergang von den Bodenbeeten zu den nicht bewirtschafteten Flächen drumherum war so fließend, daß man ihn manchmal nur schwer wahrnehmen konnte. Zwischen all dem lies sich immer mal wieder ein Huhn auf Erkundungstour blicken. Die Bäume trugen schwer an Äpfeln, Holunderbeeren und Walnüssen. Hier und da fand sich ein liegengelassenes Gartengerät oder Kinderspielzeug. Im Hintergrund der Fläche erhoben sich die anliegenden Wohnhäuser und der Bagger mit seinem großen Bohrgerät auf der neuen benachbarten Baustelle.

Es war ein trüber Tag in einem ermüdeten Garten. Das Gefühl eines traurigen und hoffnungslosen Abschieds lag in der Luft. Doch mit jedem Ende kommt auch ein Neubeginn. Andere Gärten warten auf neue Besitzer, neue Flächen wollen vielleicht erobert werden. Und letztendlich sollte man nie vergessen, daß man im Ende doch nur Hüter des Stückchen Land ist, was einem in die Hände gelegt wurde. Ob für ein paar wenige Jahre oder ein Leben lang, man sollte es so pflegen, daß es für die Nächsten im bestmöglichen Zustand hinterlassen wird. Was dann nach einem kommt, wird man selten beeinflussen können.

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