Von der menschlichen Hybris

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Knochen, Skelett, Rückgrat. Winterliche Gartenbeschreibungen bedienen sich gern aus dem anatomischen Sprachfundus. Gemeint ist damit die Grundstruktur des Gartens, auf die man dank der fehlenden Belaubung und mangelnden Vegetation im Winter einen ungehinderten Blick hat. Man sieht die Sichtachsen, Begrenzungen, die Bäume und Sträucher. Zweige und Zäune.

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Im Winter sieht man also auch am besten, woher der Garten seinen Namen hat. Dieser kommt von der indoeuropäischen Wurzel gher, welche ‚umzäunen, einfassen‘ bedeutet.* Somit steht der Garten – im Gegensatz zum Acker – für ein besonders geschütztes Land, ein umfriedetes Stück Land. Nach altem deutschen Recht soll hier auch früher der sogenannte Gartenfrieden gegolten haben. Ein Gesetz, was einem angeblich die Erlaubnis gab, eindringende Tiere und auch Menschen töten zu dürfen.**

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Der Garten ist also ein privater, geschützter Ort, in dem man sich von der Umwelt abgrenzt und in dem man sich geborgen fühlen soll. Oder wie es der Maler Neo Rauch in Bezug auf die Ausstellung Hinter den Gärten beschreibt: „Bis zum Gartenzaun hat man die Sache noch im Griff. Dann kommen der böse Wolf, die Dämonen und Elfenreigen.“*** Nur lässt sich der böse Wolf vom Gartenzaun heutzutage nicht mehr abschrecken. Er kriecht ungesehen und ungestört hinein und raubt einem den Frieden auf dem eigenen oder gepachteten Stückchen Land. Man kann seinen Garten in bester Absicht führen, auf Chemie verzichten und Natur liebend sein, doch Pollen und Saatgut von genveränderten Pflanzen werden am Gartenzaun nicht halt machen, genauso wenig wie das frappierende Insektensterben dort aufhören wird. Und wenn um einen herum chemische Herbizide und Insektizide ausgebracht werden, wird auch die Reichweite ihrer Auswirkungen nicht am eigenen Gartentor enden.

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Es ist eine Illusion zu glauben, der Garten böte einem noch ein Refugium, einen besonders geschützten Ort. Noch mag er vielen diesen Anschein geben, doch wenn sich die Weltlage nicht bald und drastisch ändert, wird aus den kleinen, privaten Oasen bald auch nur Wüste werden.

Erst Ende November hat sich die EU-Führung für einen weiteren Gebrauch des Stoffes Glyphosat, welcher weltweit als Hauptwirkstoff in Unkrautvernichtungsmitteln vorkommt, für weitere 5 Jahre entschieden. Nur 9 der 28 abstimmenden Länder stimmten dagegen.**** Das sind 5 weitere Jahre offiziell sanktionierter Vergiftung der Umwelt und der Menschen. Und nein, ich finde nicht, daß die Schadwirkungen erst noch bewiesen werden müssen. Es gibt ausreichend Berichte und Dokumentationen, die die vernichtenden Wirkung des Stoffes Glyohosat belegen*****. Und daß überhaupt darüber diskutiert werden muss, ob Glyphosat im Speziellen oder Pflanzen- und Insektenvernichtungsmittel im Allgemeinen schädlich sind, verdeutlicht den Geist der Zeit und die Hybris der Menschheit. Es ist dem Menschen einfach nicht möglich, alle Zusammenhänge zu erkennen und zu verstehen. Dafür ist er Mensch. Doch um sich ein Gefühl von Kontrolle und Macht zu bewahren, teilt er die Welt auf, seziert und kategorisiert sie.

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Bleiben wir beispielsweise beim Glyphosat. Eine chemische Verbindung, die erstmals 1950 in einem Schweizer Labor synthetisiert und deren pflanzenvernichtende Wirkung in späteren Versuchen festgestellt wurde. Aber Versuche spiegeln nur einen kleinen Teil der Wirklichkeit wieder. Die Gesamtheit der Wirkungen kann nicht erfasst werden. Was passiert wenn der Wirkstoff in den Boden und ins Wasser gelangt? Wie verhalten sich die ganzen Bodenorganismen, wie die Pflanzen, wie die Tiere, die sich von den Pflanzen mit enthaltenem Wirkstoff ernähren, wie die Tiere, die sich von diesen Tieren ernähren? Und was passiert mit dem Menschen? So haben die Glyphosatversuche sicherlich nicht aufgezeigt, daß der Wirkstoff letztendlich auch im menschlichen Körper landen wird. ****** Die Bedingungen in Versuchen sind begrenzt und ein Begreifen aller Zusammenhänge liegt außerhalb der menschlichen Möglichkeit. Die Natur dagegen ist ständig in Bewegung und im Wandel, wodurch die Bedingungen an einem Ort niemals genau dieselben sein können. Die Natur ist kein Labor. Und auch kein Anatomisches Theater.

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https://homepages.uni-tuebingen.de/henrike.laehnemann/namen.html#h1 (26.01.2018)

** http://www.drucker-marken.de/images/druck/pdf/Buch_100k_Kartoffel_gesamt.pdf (S. 222 f, 26.01.2018)

*** http://www.tagesspiegel.de/kultur/kuenstlerehe-die-kunst-ein-paar-zu-sein/3685706.html (26.01.2018)

**** https://www.berliner-zeitung.de/politik/abstimmung-eu-staaten-verlaengern-glyphosat-zulassung-um-fuenf-jahre-28961644 (26.01.2018)

***** ein gutes Video für den Einstieg: https://www.youtube.com/watch?v=3ivpJx3gkMY

****** http://www.umweltinstitut.org/aktuelle-meldungen/meldungen/urinale-jetzt-urin-auf-glyphosat-testen.html (26.01.2018)


About the human hubris

Bone, skeleton, spine. Descriptions of the winter garden often use words from the anatomical language pool. Those refer to the basic structure of the garden, to which one has an unobstructed view due to the lack of foliage and vegetation in winter. You can see the sightlines, borders, trees and bushes. Branches and fences.
In winter it is therefore best to see where the garden got its name from. It derivates from the Indo-European root gher, which means ‚to enclose or border sth.‘* Thus the garden – in contrast to the field – stands for a particularly protected land, an enclosed piece of land. According to old German law the so-called „Gartenfrieden“ (garden peace) is said to have been applied here in the past too. A law that allegedly allowed you to kill invading animals and humans. **
The garden is therefore a private, protected place, where you are separated from the environment and where you should feel safe. Or, as the painter Neo Rauch describes it in reference to the exhibition ‚Hinter den Gärten‘ (Behind the Gardens):“„Bis zum Gartenzaun hat man die Sache noch im Griff. Dann kommen der böse Wolf, die Dämonen und Elfenreigen.“ („Up to the garden fence, things are still under control. Then comes the wicked wolf, the demons and the circle dancing ferries.„)*** Only the wicked wolf can’t be deterred by the garden fence these days. He crawls in unseen and undisturbed and robs you of your peace on your own or rented piece of land. You can manage your garden in the best of intentions, garden without applying any chemicals and with a love for nature, but pollen and seeds of genetically modified plants won’t stop at the garden fence, just as the alarming decline in insect populations won’t stop there either. And when chemical herbicides and insecticides are applied around you, the range of their effects will not end at your own garden gate.
It is an illusion to believe that the garden is still offering a refuge, a particularly sheltered place. It may still seem that way for many, but if the world situation doesn’t change soon and drastically, the small, private oases will soon turn into deserts too. Just recently at the end of November the EU leadership decided to continue using glyphosate, which is the main agent in weedkillers worldwide, for another 5 years. Only 9 of the 28 voting countries voted against it. **** That is another 5 years of officially sanctioned poisoning of the environment and of mankind. And no, I do not think that the harmful effects still have to be proven. There are enough reports and documentation proving the destructive effect of glyohosate*****. And the fact that we have to discuss at all whether glyphosate in particular or pesticides and insecticides in general are harmful, illustrates the spirit of time and the hubris of humanity. It is simply not possible for a human to recognize and understand all interrelationships. That’s why he is human. But in order to maintain a sense of control and power, he divides the world, dissects and categorizes it.
Let’s take glyphosate for example. A chemical compound that was first synthesized in a Swiss laboratory in 1950 and whose plant killing properties were determined in later experiments. But experiments only reflect a small part of reality. The totality of the effects cannot be assessed. What happens when the agent enters into the soil and water? How will all the soil organisms react, how the plants, how the animals that feed on the plants that contain the agent, how the animals that feed on these animals? What happens to the human being? I doubt that the glyphosate experiments had shown that the agent will eventually end up in the human body.****** The conditions in experiments are limited and an understanding of all interrelationships is beyond the human capability. Nature, on the other hand, is constantly in motion and changing, which means that the conditions in one place can never be exactly the same. Nature is not a laboratory. And no anatomical theatre either.

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https://homepages.uni-tuebingen.de/henrike.laehnemann/namen.html#h1 (26.01.2018)

** http://www.drucker-marken.de/images/druck/pdf/Buch_100k_Kartoffel_gesamt.pdf (p 222 f, 26.01.2018)

*** http://www.tagesspiegel.de/kultur/kuenstlerehe-die-kunst-ein-paar-zu-sein/3685706.html (26.01.2018)

**** https://www.berliner-zeitung.de/politik/abstimmung-eu-staaten-verlaengern-glyphosat-zulassung-um-fuenf-jahre-28961644 (26.01.2018)

***** just one example: https://www.youtube.com/watch?v=3ivpJx3gkMY

****** http://www.umweltinstitut.org/aktuelle-meldungen/meldungen/urinale-jetzt-urin-auf-glyphosat-testen.html (26.01.2018)

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